Labyrinth, Teil 2: Into the Labyrinth

Als Sarah ihren Bruder nicht mehr schreien hört, kehrt sie besorgt in sein Zimmer zurück. Der Strom ist ausgefallen, und überall kann sie, nur aus den Augenwinkeln, Bewegung wahrnehmen. Toby ist verschwunden. Im Licht des draußen tobenden Gewitters flattert die Eule vor dem Fenster herum. Schließlich springt das Fenster auf, und Sarah erhält ihren ersten Blick auf den Koboldkönig.

Jareths Funktion als Symbol ist während des ganzen Films an seiner Kleidung erkennbar. In dieser ersten Szene ist er mit seinen wehenden schwarzen Gewändern eine Mischung aus Dracula, Schwanensees König Rotbart, einem Kabuki-Charakter und natürlich einem Popstar; ganz klar der dämonische, aber unterschwellig auch anziehende Bösewicht. Als Sarah ihren Bruder zurückfordert, bietet er Sarah eine Kristallkugel an, die ihre Träume zeigt (diese Kugeln, die sich in alles mögliche verwandeln können, sind quer durch die Handlung sein Erkennungszeichen); aber, so erklärt er, ein solches Geschenk sei nicht für ein gewöhnliches Mädchen gedacht, das ein schreiendes Baby hütet. Sarah widersteht der Versuchung, und so führt Jareth sie an den Rand des Labyrinthes, in dessen Mitte sich sein Schloß befindet – und Toby. Innerhalb von 13 Stunden muß Sarah dorthin gelangen, oder ihr Bruder ist verloren.

Labyrinthe sind sehr alte Symbole und stehen für den Lebensweg und für Selbstfindung. „Die eigene Mitte finden“ ist heutzutage ein geflügeltes Wort. Allerdings werden oft und gern Labyrinthe und Irrgärten miteinander verwechselt. Zur Unterscheidung: Irrgärten sind die Anlagen, in denen man sich verlaufen kann. Labyrinthe haben nur einen einzigen Weg, der in langen Windungen zur Mitte führt, und dienen der Kontemplation. Jareths Labyrinth, das eigentlich ein Irrgarten ist, ist selbstverständlich eine Widerspiegelung von Sarahs innerem, verworrenem Zustand an der Schwelle zwischen Kind und Frau.

Auch die Queste an sich, ob mit Irrgarten oder ohne, ist von jeher ein Symbol der inneren Reise gewesen, und in ausnahmslos jeder Abenteuergeschichte macht der Held / die Heldin eine Wandlung durch. Nicht umsonst gilt Joseph Campbells The Hero With A Thousand Faces als Pflichtlektüre für Drehbuchschreiber. Auf der Reise muß der Held / die Heldin verschiedene Widrigkeiten überwinden, trifft archetypische Charaktere und kehrt am Ende gereifter in die Gesellschaft zurück – oder, im Falle des Antihelden, scheitert an seinen Schwächen, denn nichts anderes sind die Prüfungen ja.

Sarahs erste Widrigkeit ist, zunächst einmal einen Eingang in das Labyrinth zu finden. Glücklicherweise begegnet sie sofort einem ihrer künftigen Weggefährten, dem grummeligen Kobold Hoggle, dessen Metamorphose im Laufe der Handlung nach der Sarahs am deutlichsten ausgeprägt ist. Zunächst aber ist Hoggle damit beschäftigt, Pestizide gegen herumschwirrende Feen zu versprühen. Erst als Sarah ihm die richtige Frage stellt, ist er bereit, das Tor zum Labyrinth zu öffnen, weigert sich aber, ihr irgendeine weitergehende Hilfestellung zu leisten. Irritiert muß Sarah feststellen, dass das Labyrinth aus einem einzigen langen Gang besteht, der kein Ende nimmt. Als sie erschöpft und frustriert gegen eine Wand sinkt, gibt ihr ein leuchtend blauer Wurm den entscheidenden Tipp: Die Öffnungen in den Wänden sind durch clevere optische Täuschungen verborgen. Auf Rat des Wurms hin die rechte Abzweigung nehmend, gelangt Sarah tiefer in den Irrgarten.

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