Minus 4 Tage: Alles nur geklaut. Teil 1
Die Flying Dutchman hat ihren Namen nach dem berühmten Fliegenden Holländer erhalten, der allerdings kein Schiff, sondern ein Mensch ist (wobei tatsächlich manchmal auch sein Schiff so bezeichnet wird). Von dieser alten Sage gibt es unzählige Varianten. In einigen heißt es, der Holländer habe vergeblich versucht, ein Kap zu umfahren und geschworen, es würde ihm glücken, selbst wenn es alle Ewigkeit dauern würde, woraufhin er zu eben diesem Schicksal verdammt wurde. In einer Erweiterung dieser Version versucht die Mannschaft, vorbeifahrenden Schiffen Briefe an ihre längst verstorbenen Familien mitzugeben; leider bedeutet eine Begegnung mit dem Geisterschiff, daß das betreffende Schiff untergehen und seine Besatzung sterben wird.
Eine andere Variante berichtet, auf dem Schiff sei die Pest ausgebrochen und es sei daher an jedem Hafen abgewiesen worden, somit für immer auf den Meeren umherirrend.
Heinrich Heine lässt den Protagonisten seiner Memoiren des Herren von Schnabelewopski eine Theateraufführung des Fliegenden Holländers besuchen – zumindest teilweise, eine Ablenkung in Form einer schönen blonden Frau und eines Sofas im Hinterzimmer spielen eine gewisse Rolle. Sehr bissig, aber auch sehr witzig geschrieben!
Auf der Basis dieser literarischen Vorlage schrieb Richard Wagner seine berühmte Oper, die ich ganz persönlich für ein Meisterwerk halte… und für wesentlich besser als seine späteren Werke. Zumindest kann ich sie in ihrer Gänze genießen; von allem, was danach kam, sind wenige Stücke wundervoll und der Rest grauenhaft. (Wagner-Anhänger mögen ja gern anderer Meinung sein.) Als Hörproben empfohlen: Die Ouvertüre (unbedingt!) und der berühmte Chor „Steuermann, laß die Wacht!“ Daneben sind meine Favoriten „Die Frist ist um“ (Eingangsarie des Holländers) und das Duett Holländer-Senta „Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten“. Es existiert eine großartige Verfilmung aus den 70er Jahren mit Donald McIntyre, inzwischen einem der großen Wagner-Interpreten, in der Titelrolle. Leider ist sie nicht im Handel erhältlich; vielleicht strahlt 3sat sie irgendwann noch mal aus, anderenfalls kann eine Kopie on demand beim ORF bestellt werden, das ist aber alles andere als billig.
Bei Heine und Wagner taucht übrigens zum ersten Mal die Erweiterung der Sage auf, daß der Holländer nur alle sieben Jahre an Land gehen und nur durch die Treue einer Frau erlöst werden kann.
Eine Vorgeschichte der Oper schrieb Julius Wolff, dessen Werke ich trotz gewisser Überromantisierung sehr schätze. Der fliegende Holländer reicht gewiß nicht an Der Rattenfänger von Hameln heran, sein wohl bestes Werk (wurde vor ein paar Jahren neu aufgelegt), in dem er zum ersten Mal sein starres Reimschema durchbricht und in dem er die alte Hamelner Sage mit vielen lebendigen Charakteren bevölkert. Aber sein Holländer ist eine finstere Erzählung über Liebe, Schuld und Verstrickung, neben der sich Davy Jones’ Historie wie eine Gutenachtgeschichte ausnimmt. Da ignoriert man auch gern den reichlich kitschigen Stil.
Deutlich an diese Sage angelehnt ist Wilhelm Hauffs „Die Geschichte von dem Gespensterschiff“, die im Orient angesiedelt ist und in der die verfluchte Mannschaft nur Ruhe finden kann, wenn ihre Füße festen Erdboden berühren. EUROPA hat vor vielen Jahren ein schönes Hörspiel daraus gemacht; meine geliebte LP hat leider längst das Zeitliche gesegnet, aber inzwischen gibt es eine CD-Version davon… in Vinyl-Optik!




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