Mittwoch, 30. April 2008

Labyrinth, Teil 1: Setting the stage

Als die opening credits ablaufen, taucht als erste Kreatur des Films die Eule auf, von der wir später erfahren, dass der Koboldkönig oft ihre Gestalt annimmt (Schwanensee lässt grüßen). Als nächtlicher Jäger steht sie oft im Zusammenhang mit der Anderswelt, dem Mystischen, auch mit den Träumen. Mit Einsetzen der Filmhandlung sehen wir die Eule auf einem Steinpfeiler sitzen (und tatsächlich Schwäne auf dem See im Hintergrund schwimmen), während Sarah, als Prinzessin verkleidet, ihren großen Monolog aus dem Theaterstück The Labyrinth vorträgt. Der einsetzende Regen holt sie jedoch schnell in die Realität zurück. Zu Hause warten bereits ihre Eltern auf sie - die schimpfende Stiefmutter und der sich aus allem häuslichen Streit heraushaltende Vater. Eine klassische Märchensituation, zumindest wie Sarah als pubertierendes Mädchen es interpretiert; ihre Ziehmutter beschwert sich dementsprechend auch, dass sie offenbar immer als die böse Stiefmutter betrachtet wird.

In Sarahs Zimmer finden wir bereits alle Elemente, die später im Labyrinth auftauchen: das Prinzessin-Figürchen (Ballszene), eine Sammlung von Teddys mit teilweise ritterlichen Namen, Märchenbücher, Schnipsel aus Jugendmagazinen (mit Fotos von einem gewissen Popstar), ein Poster mit dem Escher-Treppenhaus, natürlich das Buch The Labyrinth und eine Koboldkönig-Figur, dessen Frisur und Kleidung später 1:1 übernommen werden, während die Hörner nur in der Ballszene als Teil von Jareths Maske zu sehen sind.

Wie wohl jeder in ihrem Alter fühlt sich Sarah von ihren Eltern unverstanden und missachtet und lässt ihren Frust an ihrem einjährigen Bruder Toby aus, auf den sie aufpassen muß, während ihre Eltern ausgehen. Tobys auffallender rot-weiß-gestreifter Strampler soll laut Konzeptdesigner Brian Froud übrigens eine Anlehnung an Alices Ringelstrümpfe aus Alice im Wunderland sein. Weil Toby nicht aufhört zu weinen, erzählt ihm Sarah äußerst gehässig das Märchen (evtl. die Handlung von The Labyrinth, evtl. auch nur ausgedacht) von einem Mädchen, dessen böse Stiefmutter es immer auf den kleinen, plärrenden Bruder aufpassen lässt. Was die Mutter jedoch nicht weiß, ist, dass sich der König der Kobolde in das Mädchen verliebt hat und ihr Macht über seine Kobolde verliehen hat. Und obwohl sie lange widersteht, spricht sie, als sie eines Tages zu erschöpft ist, die richtigen Worte, und die Kobolde verschleppen ihren Bruder.

An diesem Punkt setzt die Fantasy-Handlung ein. Eine Gruppe von sich bemüht böse gebenden, aber eigentlich nur unterbelichteten Kobolden hört mit, und als Sarah schließlich genervt aufgibt, Toby zurück ins Bett packt und beim Hinausgehen die richtigen Worte spricht, verschmelzen die reale Welt und Sarahs Phantasien miteinander.

Erste 9+ Minuten des Films

Ich sollte es besser wissen

Graah – sagte ich nicht, ich sollte es lassen? Sagte ich nicht, einmal recherchieren bedeutet die zehnfache Menge an neuen Ideen? Damn!
Irgendwo da draußen gibt es eine Publikumsgruppe, weiblich, ca. 13-22 Jahre alt, denen man quasi alles präsentieren kann und sie machen eine Liebesgeschichte draus – die sogenannten Shipper. YouTube ist voll von selbstgebastelten Videos, in denen sie durch geschickt zusammengeschnittene Szenen belegen, dass ihr, aber auch nur ihr Liebespaar zusammengehört. Wenn sie wenigstens ein bisschen Humor dabei besäßen… Naja. Weil ich bei der Suche nach der Escher-Szene aus Labyrinth (ursprünglich fürs Mai-Potpourri gedacht) durch all diese mehr oder weniger schwülstigen Videos stapfen musste und die ganze Zeit dachte: Kinder, sie ist 14 Jahre alt… (oder wie ein Kommentator so treffend meinte: „Yay to pedophilia!“) … und ihr überseht scheinbar angestrengt die wunderschöne Symbolik hinter der ganzen Geschichte, wurde mir klar, dass ich den Film wohl analysieren würde. Was mich ein bisschen ärgerte, weil ich ihn eigentlich gar nicht mal so toll fand. Aber zum Interpretieren ist er ein Traum! Mir soll keiner erzählen, Jim Henson und Terry Jones hätten keinen Tiefgang. Das wird ein langer Artikel, den ich euch deshalb häppchenweise präsentieren werde.
Leseempfehlung: The Sandman: A Game of You von Neil Gaiman. Erzählt quasi die gleiche Geschichte, nur etwas brutaler (und ohne Prinzen).

Oh, übrigens: Sollte es da draußen einen Shipper mit Humor geben, ich würde mich über ein Sarah + Hoggle-Video sehr amüsieren.

Zwei klassische Beispiele, die ich noch am präsentabelsten fand:

Wicked Game (Ich mag den Song, was soll ich sagen...)

Somebody Still Loves You (Das ist fast schon wieder originell! [Aber auch nur fast.])

How to deconstruct a legend

Yul - The man who would be king, die Biographie Yul Brynners geschrieben von seinem Sohn Rock, ist nun schon ein paar Jahre alt, aber ihrem fast poetischen Stil merkt man das Alter nicht an, und die Fakten bleiben so wahr wie immer. Yul Brynner war ein Schauspieler, den ich bis zur Lektüre dieses Buches sehr gern gesehen habe; nun werde ich wohl nie mehr in der Lage sein, ihn ohne all die hässlichen Fakten seines realen Ichs wahrzunehmen.

Ehrgeizig und egozentrisch bis zum Äußersten, alles dominierend, luxussüchtig, nachtragend und dabei scheinbar ohne jegliche Empathiefähigkeit war Brynner geradezu die Verkörperung des Hollywoodstars des Grauens, während seine durchaus vorhandenen guten Eigenschaften wie Idealismus, Großzügigkeit und Humor mit den Jahren immer mehr unter seinem gewaltigen Ego begraben wurden. Rock Brynner schildert mit bemerkenswerter Offenheit alle positiven wie negativen Seiten seines Vaters sowie sein eigenes Bemühen, aus dessen Schatten zu treten – nur um dafür von ihm geächtet zu werden. Seine Biographie ist dabei zu gleichen Teilen liebevoll wie anklagend, und man merkt deutlich, daß sich Rock während des Prozesses des Schreibens selbst erst nach und nach über seine Gefühle zu einem Mann klar wurde, der seinen Sohn nur als Verlängerung seiner selbst betrachtet hat und nicht wahrhaben wollte, daß dieser Anspruch seinen Sohn fast zugrunde richtete.
Yul Brynner scheint einer dieser Fälle gewesen zu sein, in denen die Rückwirkungen seines Handelns noch im selben Leben mit voller Wucht zurückkommen. Die Beschreibung seiner letzten Jahre als Sklave des Ruhms, für den er einst alles andere opferte, sowie des Geldes, das zu wichtig für ihn wurde, ist eine bittere Lehre. Sein grauenhaftes, einen Monat währendes Sterben an Lungen- und Wirbelsäulenkrebs ohne Erleichterung seiner entsetzlichen Schmerzen durch Morphin, dabei nach einem Schlaganfall gelähmt, gleicht – wie Rock es treffend beschreibt – einer Horrorshow.
Ein Buch, das an die Substanz geht und gleichzeitig wütend und betroffen macht.

In seinem neueren Buch über vier Generationen Brynner, Empire & Odyssey, urteilt Rock übrigens wesentlich milder über seinen Vater. Für Interessierte an der russischen Geschichte eine echte Leseempfehlung!

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